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Dienstag, 5. Mai 2015

Gelesen: "Der Marsianer" von Andy Weir

Mal wieder möchte ich euch ein Buch vorstellen, das ich vor einigen Wochen gelesen habe. Es handelt sich um einen Roman, der erstaunlicherweise die Faktenlage eines Hard-Science-Fiction mit der erzählerischen Leichtigkeit einer romantischen Komödie verbindet - oder so ähnlich. (Achtung: Spoiler im hinteren Teil - zumindest wenn man ernsthaft glaubt, der Roman könne ein anderes Ende nehmen, als er nimmt. :-) )

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Der Marsianer

Ich gestehe, dass ich das Buch anfangs nicht gut finden wollte. Wieder so ein US-Debütautor, der mit seinem ersten Roman von null auf hundert in den Star-Himmel aufsteigt, Übersetzung in fünfzehn Sprachen, Filmrechte an Ridley Scott verkauft, da wird man doch grün vor Neid. Aber es ist ein Science-Fiction und ich mag Science-Fiction. Also habe ich „Der Marsianer“ von Andy Weir dann doch gelesen – und wurde bekehrt!


Astronaut Mark Watney ist ein privilegierter Mann. Er gehört zu den wenigen Menschen der Erde, die einen Fuß auf die Oberfläche des Mars setzen dürfen. Schön, er ist nur Mitglied von Ares 3, der dritten bemannten Expedition zum roten Planeten, und genau genommen ist er auch nur das rangniedrigste Mitglied, aber immerhin: Er ist auf dem Mars. Rasch jedoch wird dieser wahr gewordenen Traum zum Albtraum, denn seine Truppe muss ihre Mission wegen eines starken Sandsturms abbrechen. Auf dem Weg zum Marsrückkehrmodul, das sie wieder in die Umlaufbahn bringen soll, wird Mark verletzt. Seine Freunde halten ihn für tot, finden ihn im Sturm auch nicht mehr wieder und fliegen ab – ohne ihn. Wie er merkt, als er wieder aufwacht. „Ich bin so was von im Arsch“, lautet der schöne erste Satz des Romans, der die Lage treffend zusammenfasst.

In der Folge wird daraus eine erstaunliche Geschichte. In einer Robinsonade der galaktischen Art beschreibt Autor Andy Weir, wie Mark Watney zu überleben versucht, mit dem, was er auf dem Mars noch hat. Das ist zum Glück noch einiges, beispielsweise Vorräte für fast ein Erdenjahr, ein Wohnmodul, Solarzellen für Energie, ein Wasseraufbereiter, ein Oxygenator. Es könnte schlimmer sein. Bedauerlicherweise trifft Ares 4, die Mission, die ihn nach Hause bringen könnte, erst in vier Jahren ein. Bis dahin ist er längst verhungert, wenn ihm nicht etwas einfällt. Ich will nicht im Detail verraten, zu welchen Tricks Watney greift, um zu überleben, aber er erweist sich im Laufe des Romans als wahrer McGyver, dem immer noch ein biologischer oder chemischer Kniff einfällt, um sich aus brenzligen Situationen zu retten.

Und brenzlige Situationen gibt es immer wieder. Hier beweist Andy Weir ein gutes Händchen. Immer, wenn man als Leser glaubt, dass sich Watneys Lage jetzt doch recht gut stabilisiert hätte, passiert etwas Unerwartetes, das ihn vor die nächste Herausforderung stellt. Dabei sind die Probleme oft hausgemachter Natur, entstehen etwa durch Unachtsamkeit oder Unwissen. Ein naturwissenschaftlich-technisch gebildeter Leser könnte sie also vorhersehen, als Laie staunt man dagegen jedes Mal aufs Neue, wie es dem Autor gelingt, nicht nur überzeugende wissenschaftliche oder technische Lösungen für knifflige Fragen des Überlebens zu präsentieren, sondern auch noch Fehler einzubauen, die Watney macht, nur um danach modifizierte überzeugende Lösungen zu präsentieren. Laut Biographie ist Andy Weir Softwareentwickler, also nicht von Natur aus etwa ein Biochemiker oder Elektroingenieur. Die Recherchearbeit, die er in diesen Roman gesteckt haben muss, nötigt daher gleich doppelt Respekt ab.

Trotzdem ist „Der Marsianer“ keine knochentrockene Hard-SF, und das ist das eigentliche Wunder. Andy Weir lässt Mark Watney seine Geschichte in Logbucheinträgen erzählen, und diese sind von launigen Kommentaren nur so gespickt. Wir haben hier also Hard-SF, die stellenweise im leichten Tonfall einer romantischen Komödie erzählt wird. Bridget Jones auf dem Mars. Das ist ebenso ungewöhnlich wie zweifellos ein weiterer Grund für den Erfolg des Romans. Denn Watney erklärt sein Tun stets so, dass auch Leser, die keine Ahnung von Raumfahrt und ihren Tücken haben, ihm halbwegs gut folgen können, bei ihm bleiben und über seine Selbstironie und seine schrägen Kommentare lachen.

Psychologisch mag die Figur dadurch etwas fragwürdig sein, denn Watney hat zwar zwischendurch Selbstzweifel, aber richtig am Ende ist er nie. Er wird als Machertyp präsentiert, unkaputtbar, immer ziel- und lösungsorientiert, auch wenn sich eine ganze Welt gegen ihn verschworen hat. Dass er etwa sterben könnte, daran glaubt man als Leser keine Sekunde. Dafür hat er den Mars – bei allen Problemen – zu gut im Griff. Gegen Mitte des Romans setzen entsprechend ein paar Ermüdungserscheinungen ein, denen Andy Weir mit einem Kunstgriff entgegenwirkt. Denn plötzlich bringt er die Perspektive der NASA ins Spiel, die von Watneys Überleben erfährt und nun alles dran setzt, um ihn zu retten. Die dramatische Rettungsaktion, die ihre eigenen Herausforderungen und Rückschläge erlebt, bringt zusätzliche Spannung in die Handlung, wenngleich man – erneut – eigentlich nicht an ein Scheitern glaubt. Hier geht es mehr um das „Wie“ als um das „Ob“.

Vielleicht wäre der Roman noch intensiver geworden, wenn trotz all der Kämpfe Watney nicht hätte gerettet werden können. Andererseits ist er dann doch zu sehr seiner Hollywood-Dramaturgie verpflichtet. Ein Mann, der alles gibt, der sich nie unterkriegen lässt, hat den Sieg und das Mädchen und den Ritt in den Sonnenuntergang am Ende verdient. Für Watney ist es der Flug nach Hause. Und der Leser wird mit einem der besten Schluss(ab)sätze belohnt, den ich je in einem Roman gelesen habe.

Fazit: Mit „Der Marsianer“ ist Andy Weir ein richtig guter Science-Fiction gelungen. Das Hard-SF-Thema wird durch seine humorvolle Erzählweise aufgelockert und dadurch auch für Leute zugänglich, die beispielsweise Arthur C. Clarke für zu trocken halten. Spannend, abwechslungsreich und mit einem enormen Rechercheraufwand beschreibt der Autor den Überlebenskampf seines Mark Watney auf dem Mars, einzig im letzten Drittel, nach einem dramaturgisch etwas ungeschickt gelösten Zeitsprung von 160 Tagen, verliert der Roman etwas an Zugkraft. Aber das ist auch der einzige Kritikpunkt, und der spielt eine untergeordnete Rolle angesichts der Stärken der Geschichte. Für SF-Liebhaber sowieso zu empfehlen, aber auch Freunde von Spannungsliteratur sind hier gut aufgehoben, denn trotz seines kosmischen Settings bleibt das Abenteuer des Mars-Robinsons Watney immer gut geerdet und fordert dem Leser keinen Doktorgrad in Nerd-Technologien ab.

Der Marsianer
Science-Fiction-Roman
Andy Weir
Heyne 2014
ISBN: 978-3-453-31583-9
512 S., broschiert, deutsch
Preis: EUR 14,99

Donnerstag, 11. September 2014

Lese-Challenge "Lerne deine Kollegen besser kennen" - Part 2

Und weiter geht es mit meiner privaten Lese-Challenge unter dem Motto "Lerne deine Kollegen besser kennen".

Zur Erinnerung: Obwohl ich immer dafür bin, dass Verlage und Buchhänder mehr für die Genre-Autoren hierzulande tun, statt bloß Übersetzungen aus Übersee einzukaufen und groß zu präsentieren, und obwohl ich sets alle Leser beschwöre, "ihren Autoren" aus heimischen Gefilden mehr Aufmerksamkeit zu schenken, statt primär die Erfolgsromane aus dem Ausland auf die Leseliste zu setzen, habe ich mich dabei ertappt, selbst vor allem US-Science-Fiction zu konsumieren.

Um meinen Horizont zu erweitern, habe ich mir daher für die zweite Jahreshälfte 2014 vorgenommen, einfach mal ein paar Werke von Freunden und Bekannten aus dem Dunstkreis der deutschsprachigen Phantastik zu lesen.

Als ersten Roman habe ich "Orks vs. Zwerge" von T. S. Orgel. gelesen - ein Fantasy-Roman wie ein guter Spaghetti-Western: dreckig, derb und blutig. Nun geht es mit "Drachenkaiser" von Markus Heitz weiter, einem Buch, das schon geraume Weile in meinem Regal liegt und dessen Vorgänger "Mächte des Feuers" mir vor Jahren viel Spaß gemacht hat.


Sonntag, 6. Juli 2014

Lese-Challenge "Lerne deine Kollegen besser kennen"

Es ist schon kurios. Auf der einen Seite gebe ich mich als Verfechter der deutschen Phantastik. Ich bin immer dafür, dass Verlage und Buchhänder mehr für die Genre-Autoren hierzulande tun, statt bloß Übersetzungen aus Übersee einzukaufen und groß zu präsentieren. Und ich beschwöre stets alle Leser, "ihren Autoren" aus heimischen Gefilden mehr Aufmerksamkeit zu schenken, statt primär die Erfolgsromane aus dem Ausland auf die Leseliste zu setzen. Und doch ertappe ich mich dabei, selbst vor allem US-Science-Fiction zu konsumieren. Das ist jetzt nicht ganz falsch, denn immerhin unterstütze ich damit ein in Deutschland am Existenzminimum herumkrebsendes Genre. Dennoch:

Das soll sich ändern!

Deshalb habe ich mir für die zweite Jahreshälfte 2014 - und entgegen meiner üblichen Gewöhnheit, meine Lektüre sehr spontan auszuwählen - eine kleine Lese-Challenge auferlegt. Sie heißt "Lerne deine Kollegen besser kennen" und dreht sich darum, einfach mal ein paar Werke von Freunden und Bekannten aus dem Dunstkreis der deutschsprachigen Phantastik zu lesen, die zum Teil schon in meinem Besitz sind oder um die ich schon eine ganze Weile herumschleiche. Vielleicht greife ich auch mal völlig wirklich zu.

Ich werde die Bücher lesen - und hoffentlich genießen - und dann Werk für Werk in Updates hier melden. Groß bewerten werde ich sie nicht. Das möchte ich - gerade im Bekanntenkreis - lieber nicht öffentlich tun. Zumal es zu den meisten Werken genug Rezensionen gibt.

Ich bin gespannt, wie sich das Projekt entwickelt. Es beginnt mit "Orks vs. Zwerge" von T.S. Orgel.


PS: Nachahmung ist ausdrücklich erlaubt. ;-)

Mittwoch, 19. März 2014

Gelesen: "Saga - Eins" von Brian K. Vaughan

Ich möchte euch mal wieder ein Werk vorstellen, das ich für ziemlich bemerkenswert halte. Diesmal handelt es sich um einen Comic, genauer den Auftaktband von "Saga" von Brian K. Vaughan und Fiona Staples. Ich habe ihn schon vor einer Weile gelesen, aber jüngst mal wieder in der Hand gehabt.

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Saga – Eins

Ein fantastisches Universum, ein unsinniger, Welten umspannender Krieg und zwei junge Leute, die bloß Frieden für sich und ihre gemeinsame Tochter finden wollen – das sind die Zutaten, aus denen Brian K. Vaughan und Fiona Staples die Geschichte ihrer neuen, bereits mehrfach preisgekrönten Comic-Reihe mit dem passenden Titel „Saga“ kreieren. Mythos meets Science Fiction. Eine Mischung, die schon vom Cover an neugierig macht.

Man fühlt sich ein wenig, als wären die Figuren der antiken Mythologie ins 3. Jahrtausend versetzt worden. Oder als befände man sich buchstäblich „vor langer Zeit in einer weit, weit entfernten Galaxis“. Geflügelte Soldaten kämpfen gegen widderhörnige Krieger. Ein magisch begabte Einhornfrau und eine spinnenartige Jägerin treiben ihr Unwesen, eine altägyptisch anmutende Lügekatze ist die Begleiterin eines einsamen Söldners. Doch das fantastische Universum von Autor Brian K. Vaughan („Ex Machina“) und Zeichnerin Fiona Staples („North 40“) legt sich insgesamt keinerlei Beschränkungen auf. So wird es neben mythisch inspirierten Geschöpfen auch von rebellischen, jugendlichen Geistern, die an die „Lost Kids“ aus „Peter Pan“ erinnern, und monitorköpfigen, aber ansonsten sehr menschlichen Robotern, die aus ihrem Körper Waffen ausbilden können wie der T-1000, bevölkert. Es ist ein Mythen-Mix aus uralten Geschichten, moderner Popkultur und ganz Eigenem, der „Saga“ so reichhaltig macht.

Die Handlung atmet das klassische „Romeo-und-Julia“-Thema. Zwei Welten, der riesige Planet Landfall und sein kleiner Mond Ranke, kämpfen seit Urzeiten und ohne dass jemand noch weiß, warum eigentlich, gegeneinander. Um die eigene Heimat vor der Auslöschung zu bewahren, wurde der Krieg mittlerweile ausgelagert und hat die halbe Galaxis erfasst. Zahllose Welten kämpfen nun für den Planeten oder den Mond. Die beiden Protagonisten Alana und Marko – sie von Landfall, er von Ranke – haben keine Lust mehr zum gegenseitigen Töten. Er ist im Herzen Pazifist, sie zumindest kriegsmüde. Also haben sich beide davongestohlen und obendrein ineinander verliebt.

Der Roman beginnt mit der Frucht dieser Liebe, der Geburt der kleinen Tochter der beiden, eigentlich ein Unding, aber zugleich das Symbol einer Hoffnung auf Versöhnung zwischen den Völkern. Natürlich ist keine der feindlichen Gruppen auf Versöhnung aus, weswegen die Fahnenflüchtigen von beiden Seiten über den Planeten Kluft gejagt werden, auf dem sie sich versteckt halten. In einer abenteuerlichen Reise versuchen sie nicht nur, ihren Häschern zu entgehen, sondern auch – einer sehr obskuren Karte eines ebenso obskuren Affenmanns folgend – eine Möglichkeit zu finden, von dieser Welt zu verschwinden, damit Alana ihrer Tochter „das Universum“ zeigen kann.

Die Story im Kern mag sehr klassisch anmuten, doch in den Details wird sie zu etwas Besonderem. Die selbstbewusste Alana und der sanftmütige Marko, der – das deutet sich an – früher ganz anders war, sind Charaktere mit Herz und Seele, mit denen der Leser gerne unterwegs ist. Die Art, wie sie sich lieben und streiten, erinnert irgendwie an die Ensembles von Joss Whedon, manche Dialoge erzeugen (zweifellos ohne Absicht) sogar ein enormes „Buffy“-Déjà-vu – was nichts Schlechtes ist. Dazu kommt eine Fabulierfreude, die ständig neue, eigenwillige Schauplätze, Geschöpfe oder Entwicklungen präsentiert. Interessante Nebenfiguren, wie ein Freilanzer (sic!) namens Der Wille und ein Roboterprinz namens IV, ein wenig wohl dosierte Anwendung von Sex und Gewalt sowie eine merklich cineastische Erzählweise (ich frage mich, wie viele Comic-Autoren eigentlich schon beim Entwickeln ihrer Geschichten nach Hollywood schielen) sorgen dafür, dass man von der ersten bis zur letzten Seite regelrecht durch den Comic-Band fliegt.

Fiona Staples’ Bilder weisen einen etwas groben, ruppigen Strich auf, die sich erst in der Kolorierung vollends entfalten. Die Figuren und ihre Gefühle sind stets sehr gut getroffen, das Farbenspiel der digital erzeugten Hintergründe reicht von blassen, nur schwach konturierten Ambientetönen bis zu prächtigen Feuerhöhlen und psychedelischen Bordellplaneten. Es handelt sich um einen interessanten, durchaus eigenen Stil aus harten Linien und weichem Farbeinsatz, aber visuell spektakulär würde ich „Saga“ nicht nennen. Dazu fehlt es zu sehr an Details in den meisten Bildern. Was dem Genuss an sich jedoch keinen Abbruch tut. Tatsächlich passen Geschichte und Bilder sehr gut zusammen. Und am Ende wünscht man sich sofort den zweiten Band herbei.

Der Comic kommt – für Cross Cult so typisch – im schönen Hardcover daher, und neben der Geschichte findet sich noch ein kleines Interview mit Fiona Staples als Bonusmaterial am Schluss.

Fazit: „Saga“ ist ein Füllhorn an schrägen Figuren, ungewöhnlichen Settings und fantasievollen Storydetails. Fans klassischer Fantasy werden zwar ebenso wenig damit bedient, wie beinharte Science-Fiction-Afficionados, aber wer bereit ist, sich auf einen hemmungslosen Mythen-Mix, auf die Verschmelzung von Gestalten der Legende mit modernster Technik und von klassischen Erzählmotiven mit whedonesken TV-Serien-Wendungen einzulassen, der wird etwas Neues und Ungewöhnliches entdecken, zu dem man Autor und Zeichnerin nur gratulieren kann.

Saga – Eins
Comic
Brian K. Vaughan, Fiona Staples
Cross Cult 2013
ISBN: 978-3864251870
160 S., Hardcover, deutsch
Preis: EUR 22,00

Dienstag, 30. Oktober 2012

Gelesen: "Casino Royal" von Ian Fleming

Mal wieder möchte ich euch ein Buch vorstellen, das ich in den letzten Tagen gelesen habe. Es ist - für meine Leseverhältnisse - etwas ungewöhnlich, da es nichts mit Fantasy, SF oder Mystery zu tun hat. Vorhang auf für "James Bond - Casino Royale".

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James Bond - Casino Royale

Er ist der bekannteste Spion der Popkultur; schöne Frauen, schnelle Autos und der Wodka-Martini (geschüttelt, nicht gerührt) sind seine Markenzeichen. Die Rede ist von Bond, James Bond, 007. Doch wie viele von uns kennen eigentlich die Originalromane von Ian Fleming? Ist unser Bild von Bond nicht eher durch die Kinofilme – im Fernsehen in Dauerschleife wiederholt – geprägt?

Bei mir war das jedenfalls so. Mein erstes Bild von Bond war Roger Moore, ein Sprüche klopfender Gentlemanspion. Später gesellte sich Sean Connery dazu, der etwas rohere, maskulinere Typ. George Lazenby und Timothy Dalton habe ich irgendwie übersprungen. Mit Pierce Brosnan ging Bond für mich im Kino los, gefolgt von Daniel Craig. Nun habe ich „Casino Royale“, das Ur-Bond-Abenteuer, erstmals auch gelesen, in der neu übersetzten und wunderschön aufgemachten Edition von Cross Cult. Und ich stelle fest, dass mich die Filme belogen haben – also zumindest zum Teil.

Punkt eins scheint keiner der Bond-Darsteller den Roman-Bond so richtig zu treffen. Den einen – Sean Connery und Daniel Craig – fehlt die zweifelnde, ohnmächtige Seite. Den anderen die unverhohlen körperbetonte Männlichkeit. (Nun vergleiche ich hier vielleicht unfair, weil der „Casino Royale“-Bond sich vom Bond der späteren Romane unterscheiden mag. Das wird sich erst nach weiterer Lektüre erweisen.) Jedenfalls hat es mich überrascht, wie Bond hier gezeichnet wird. Auf der einen Seite haben wir einen Profi, der auf der anderen Seite unglaublich leichtsinnig agiert und denkt. Einmal ist er ein eiskalter Mistkerl, dann wieder überrascht er durch philosophische Gedanken über Gut und Böse, durch tiefste Verunsicherung und eine fast bemitleidenswerte Sprachlosigkeit im Umgang mit der Frau, in die er sich gegen seinen Willen verliebt.

Vor allem das letzte Drittel des Romans fällt hier aus dem bekannten Rahmen, wobei wir bei Punkt zwei wären. Die Handlung von „Casino Royale“ entspricht über weite Teile dem, was wir auch aus der modernen Leinwand-Adaption mit Daniel Craig kennen. Doch wo diese als harter Actionfilm rüberkommt, schlägt das Buch deutlich leisere Töne an, intimer im Blick auf seine Hauptfigur, detailfreudig im Duell Bond gegen Le Chiffre, aber beinahe spröde, wenn es um Explosionen und Verfolgungsjagden geht. Und dann, nach dem Tod Le Chiffres, wenn man eigentlich nur noch den Epilog und Abspann erwartet, nimmt das Buch auf einmal auch noch eine völlig neue Richtung. Auf langen Seiten wird Bonds Genesung geschildert und sein Versuch, mit Vesper Lynd (dem Bond-Girl des Buchs) eine Beziehung zu beginnen. Der kurze, schmerzvolle Verlauf dieser Beziehung wird das Thema bis zum Ende bleiben und nimmt etwa 60 der insgesamt 240 Seiten am Schluss ein. (Im Film gibt es diesen „Epilog“ übrigens auch, wie ich noch einmal nachgeschaut habe – allerdings stark gerafft und deutlich abgewandelt, um für mehr Action zu sorgen.)

Diese Art von Dramaturgie überrascht schon, denn das Titel gebende Casino und das gefährliche Kartenduell zwischen Bond als westlichem Agenten und Le Chiffre als Vertreter des Ostblocks liegen da schon lange hinter uns. Kurioserweise sorgt diese Irritation nicht dafür, dass einem das Buch plötzlich schlecht durchdacht erscheint. Im Gegenteil wird es mehr als nur ein Agentenabenteuer, es wird auch eine Charakterstudie des Mannes James Bond. Ich bin mal gespannt, wie sich diese Art von Ian Fleming, einen Roman zu schreiben, in den nächsten Bond-Geschichten fortsetzt.

Fazit: Für alle, die an den Wurzeln des Bond-Mythos interessiert sind, ist „Casino Royale“ in dieser erstmals ungekürzten und originalgetreuen Übersetzung praktisch ein Muss. Auch allen, die sich fürs Genre der Agentengeschichten erwärmen können, sei dieser Klassiker ans Herz gelegt. Filmfans müssen jedoch gewarnt werden. Dieser Bond ist anders, als wir ihn von der der Leinwand her kennen.

James Bond – Casino Royale
Agenten-Roman
Ian Fleming
Cross Cult 2012
ISBN: 978-3-86425-070-5
240 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 11,80

Samstag, 29. September 2012

Gelesen: "Sturmnacht" von Jim Butcher

Viele Autorenkollegen tun es bereits: Darüber schreiben, was sie so Spannendes lesen. Im Grunde bilde ich da keine Ausnahme, nur habe ich bislang stets für Rezensionsportale (u.a. www.ringbote.de) meine Meinung zum Besten gegeben. Nun möchte ich auch mein Blog ein wenig beleben, indem ich ausgewählte Werke an dieser Stelle präsentiere. Eben für die Menschen, die sich nicht für Rezensionsportale interessieren, sondern dafür, was Bernd Perplies so mag oder eben nicht mag. Den Anfang macht "Sturmnacht" von Jim Butcher, ein Urban-Fantasy-Roman, den ich binnen 24 Stunden verschlungen habe.

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Die dunklen Fälle des Harry Dresden 1: Sturmnacht

Er ist der einzige praktizierende Magier, den man auch im Telefonbuch von Chicago findet: Harry Blackstone Copperfield Dresden, ein Privatermittler in paranormalen Dingen, eine Art eigenbrötlerischer Ghostbuster. Chronisch pleite, immer ein wenig versifft und zusammen mit einem fetten Kater und einem Geist namens Bob in einem Kellerloch hausend, stellt er den Traum aller Maiden in Not und den Albtraum aller finsteren Gesellen dar – sozusagen.

Es ist erstaunlich: Ich hätte wetten können, dass Jim Butchers Urban-Fantasy-Detektiv Harry Dresden ein Kind der Generation „Buffy“ und/oder „WitchCraft“ ist. Doch beide sind nach dem Auftaktband „Sturmnacht“ erschienen, den Butcher – so heißt es zumindest – im Rahmen eines Schreibworkshops 1996 im Alter von 25 Jahren verfasste. Nun ja, er könnte zumindest „Mage: The Ascension“ gespielt oder „Akte X“ geschaut haben. Die typischen Zutaten moderner Urban Fantasy – selbstironischer Humor plus knackige Action plus ein Ensemble eigenwilliger, auf mehr oder minder pikante Weise verknüpfte Figuren – sind jedenfalls deutlich spürbar und lassen auf keiner Seite merken, dass das Werk mittlerweile mehr als 15 Jahre auf dem Buckel hat und damit in einer Zeit erschienen ist, in der dieses Genre bei Weitem noch nicht den heutigen Stellenwert hatte.

Erzählt wird die Geschichte von Harry Dresden (im doppelten Wortsinne, da aus der Ich-Perspektive), dem einzigen offen praktizierenden Magier Chicagos. Der Mann, der in jeder Hinsicht ein Außenseiten ist, betreibt ein kleines Detektivbüro und hält sich mehr schlecht als recht mit der Aufklärung paranormaler Probleme über Wasser. Meist arbeitet er als Berater für die hiesige Polizei (und fungiert damit als „Mulder“ für die „Scully“ Lieutenant Karrin Murphy), gelegentlich kommen auch mutige Privatpersonen zu ihm. Dabei sitzen Dresden sowohl die ebenso neugierige wie gutaussehende Klatschreporterin Susan Rodriguez im Nacken, als auch Morgan, der schwertschwingende Vollstrecker des Weißen Rats, der geheimen Vereinigung von Hexen und Magiern, bei dem Harry „auf Probe“ steht, seit er mal eines der ehernen Gesetze der Magie gebrochen und magisch einen Menschen getötet hat.

Von diesem Setting ausgehend entspinnt sich das Abenteuer von „Sturmnacht“. Ein Mann verschwindet. Ein Liebespaar wird mit explodierten Herzen aufgefunden. Paranormale Drogen fluten die Straßen von Chicago. Da wird nicht nur die Polizei nervös, sondern auch der hiesige Mafiaboss und die ein Bordell betreibende Obervampirin der Stadt. Da er jung ist und das Geld braucht, stürzt sich Harry in die Ermittlungen und gerät dabei zwischen alle Fronden. Die Folge sind eine Verkettung mal delikater, mal schmerzhafter Begegnungen, die – der Titel lässt es erahnen – in einer Sturmnacht, in der es dann um Leben und Tod geht, kulminieren.

Natürlich ist vieles an der Geschichte ein wenig klischeehaft. Damit meine ich nicht mal Klischees der Urban Fantasy (das kann man Butcher 1996 kaum vorwerfen), sondern Klischees der hard-boiled detectice story. Es gibt den heruntergekommenen Loner Harry Dresden. Es gibt den treuen Barkeeper Mac. Da ist der aalglatte Mafiaboss Marcone mit seinen tumben Schlägern und die taffe Polizistin mit dem Herz aus Gold Murphy samt ihrem unsympathischen Kompagnon Carmichael. Und natürlich umgeben unseren Protagonisten ein ganzer Reigen attraktiver und geheimnisvoller Frauen, von denen jede auf ihre Weise gefährlich ist.

Aber das macht überhaupt nichts, denn Butcher nutzt diese Klischees auf unterhaltsamste Art und Weise. Der ganze Roman ist enorm gut komponiert. Überall werden zu Beginn Fäden aufgespannt, zu denen die Handlung später zurückkehrt. Überall hängt der Autor „Gewehre“ auf, die nachher auch „abgefeuert“ werden (um eine der Grundregeln des filmischen Erzählens zu paraphrasieren, dass man nie ein Gewehr an der Wand zeigen darf, mit dem nicht später auch geschossen wird). Darüber hinaus wird eine lebendige Hintergrundwelt etabliert, die Raum für viele weitere Abenteuer lässt (einen Raum, den Butcher mit mittlerweile vierzehn Fortsetzungen genüsslich gefüllt hat und noch immer weiter füllt).

Fazit: Ich habe schon eine Weile um diesen Roman herumscharwenzelt. Nun habe ich mir die Zeit genommen, ihn endlich zu lesen, und keine Minute davon bereut! Harry Dresdens erster Fall „Sturmnacht“ hat alles, was eine gute Genre-Geschichte ausmacht: ordentlich Action, selbstironischen Humor und liebenswerte Charaktere. Für alle Freunde von Urban Fantasy (und ganz besonders alle „WitchCraft“-Rollenspieler und Joss-Whedon-Fans) ein echter Leckerbissen. – Ein besonderer Dank gilt übrigens Feder&Schwert, die die Reihe von Knaur übernommen und mit den coolen US-Covern neu herausgebracht haben. Die erste deutsche Ausgabe sah leider völlig daneben aus!

Die dunklen Fälles des Harry Dresden 1: Sturmnacht
Mystery/Horror-Roman
Jim Butcher
Feder&Schwert 2012
ISBN: 978-3-86762-111-3
320 S., Taschenbuch, deutsch
Preis: EUR 11,99

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